AktuellesFernweh
Auswandern nach Kanada 1968 - Mit 1200 Franken ins Abenteuer

Am 1. April 1968 wagten zwei junge Schweizer Maurer den mutigen Sprung ins Ungewisse: Mit je 1200 Franken in der Tasche und grossen Träumen im Gepäck starteten sie ihr Abenteuer Kanada. Was als prahlerisches Auswanderungsversprechen begann, wurde zu einer Geschichte von Durchhaltevermögen, unerwarteter Menschlichkeit und dem Kampf ums Überleben in der neuen Welt. Hans Bieri erzählt in seiner Autobiografie «Ruf vom Himmel» von diesem bewegenden Kapitel seines Lebens.
Der Abschied unter Tränen
Die Sonne strahlte an jenem 1. April 1968 eine ergiebige Wärme auf die langsam grün werdenden Wiesen. Doch niemand lachte mehr an diesem Abschiedstag - dafür flossen umso mehr Tränen bei den Müttern.
Mit gepackten Koffern und je 1200 Franken fuhren die beiden jungen Männer mit dem Zug nach Kloten. Wenig später sassen sie in einer kanadischen DC8 in 32'000 Fuss Höhe, Richtung Montreal. Die Ungewissheit war gross: Wer weiss, ob sie sich je wieder sehen würden?
No Job - die harte Realität in Montreal und Toronto
Montreal empfing sie mit Weltstadt-Flair, aber auch mit fast unerträglichen Autoabgasen. In einer günstigen Absteige übernachtend, mussten sie ihr Geld sorgfältig einteilen - viel war es ja nicht.
Die Ernüchterung kam schnell: Ihre Maurerausbildung wurde nicht anerkannt. Auf dem Arbeitsamt hiess es nur «No Job, keine Arbeit». Selbst Hans' fliessende Französischkenntnisse halfen wenig gegen das Kauderwelsch der kanadischen Franzosen.
Auch Toronto brachte keine Wende. Mit der Canadian Pacific Railway ging es weiter westwärts durch die steinhart zugefrorene Winterlandschaft. Die Hoffnung schwand mit jedem Kilometer.
Wie überlebt man mit den letzten 80 Dollar?
In Winnipeg angekommen, war die Lage kritisch: Nur noch 80 Dollar pro Person. Der Plan war verzweifelt, aber klar - wenn keine Arbeit, dann würden sie sich eine Jagdbüchse kaufen und wie vor hundert Jahren in einer selbstgebauten Hütte im Norden leben.
Das Schicksal wollte es anders. Eine halbe Stunde vor Winnipeg fanden sie im Zug eine Zeitung am Boden. Fast hätten sie aufgegeben, als sie die rettende Anzeige entdeckten: «Wir suchen Handlanger für unser Gipsergeschäft auf dem Bau.»
Der Durchbruch bei den drei polnischen Omas
Mr. Wagner, der deutsche Arbeitgeber, stellte sie ein. Die Arbeit war hart - den ganzen Tag Pflaster in den sechsten Stock tragen. Aber sie waren es gewöhnt und hatten Kraft wie Stiere. Der gute Lohn entschädigte: Bei einem Dollarkurs von 4.25 verdienten sie das Doppelte oder mehr als Schweizer Maurer.
An der 563 Victor St. fanden sie Unterschlupf bei drei alten Schwestern aus Polen, die im Krieg nach Kanada geflüchtet waren. Diese liebevollen «old Ladies» sorgten sich rührend um die beiden jungen Schweizer: «Boys, you have to go to Church», mahnten sie wöchentlich.
Mit ihnen arbeitete auch ein Indianer - ein guter Kollege, doch jedes Wochenende verschwand er für Tage, bis er seinen Lohn versoffen hatte. Die Begegnung mit der traurigen Realität der Ureinwohner, die ihre von der Regierung gebauten Holzhäuser Brett für Brett verfeuerten, erschütterte Hans Bieri tief.
Kurz gefragt
Wie viel Geld brauchte man 1968 zum Auswandern nach Kanada? Hans Bieri und sein Kollege starteten 1968 mit je 1200 Schweizer Franken nach Kanada. Kurz vor Winnipeg waren nur noch 80 Dollar pro Person übrig - das Geld war also sehr knapp kalkuliert für eine Auswanderung ohne Jobgarantie.
Wurden Schweizer Handwerker-Qualifikationen in Kanada anerkannt? Nein, die Maurerausbildung wurde in Kanada 1968 nicht anerkannt. Hans Bieri und sein Kollege mussten als ungelernte Handlanger arbeiten, verdienten aber trotzdem das Doppelte oder mehr als Schweizer Maurer, da der kanadische Dollar damals bei 4.25 Franken stand.
Was als jugendlicher Traum mit 1200 Franken begann, wurde zu einer Lektion über Durchhaltevermögen und die Güte fremder Menschen in einem fremden Land.